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Silber, Schmutz und Dynamit

Untertage in Potosi

Angekommen in Bolivien, angekommen in Potosi. Potosi die ehemals reichste Stadt der Welt liegt auf 4069 m Ü.nN und machte uns die Anreise nicht gerade einfach. Mit einem Bus voller Touristen (es waren 2 Einheimische an Bord) fuhren wir von der Salar de Uyuni, der größten Salzwüsten der Welt nach Challapata. Eigentlich sollte unsere 3-Tages-Chile-Bolivien-Tour in Uyuni enden. Eigentlich! In Uyuni wurde allerdings gerade gestreikt und deshalb gab es von dort auch keine Busse. Wenn in Bolivien gestreikt wird, dann wird gestreikt – gerne auch mal für eine Woche oder auch länger. Es ging also mit dem Touribus, für den wir mal wieder die allerletzten Tickets bekommen hatten bis nach Challapata.

Die Fahrt dauerte ca 4 Stunden und führte uns durch anfangs sehr karges Wüstengebirge ohne jegliches Leben. Auf halber Strecke, ich war gerade eingeschlafen (das klappt tagsüber in Bussen irgendwie immer ganz hervorragend) wurde es plötzlich laut, unter den 50 Touris an Bord brach eine Art kurze Panik aus, wir wussten nicht warum und wieso bis auch bei uns ganz hinten im Bus ankam: „Wir haben Koffer verloren.“ Na ganz toll, es vergingen vom ersten Geschrei im Bus bis zum tatsächlichem Anhalten ca 500 m. Ein kurzer Blick aus dem Fenster ließ uns aufatmen hatte sich doch die Gepäckklappe auf der Beifahrerseite geöffnet – unser Gepäck hatten wir unter die Fahrerseite gequetscht. Dennoch verließen wir fast alle für ca 5 Minuten den Bus, die einen um ihre Koffer aus der staubigen Wüste zusammenzusuchen, die anderen um selbige mit ein bisschen Wasser zu versorgen. Willkommen in Bolivien!

Die nächsten 2 Stunden fuhren wir neben einer noch nicht fertigen aber dennoch befahrbaren Straße her, wir überquerten sie mehrfach blieben aber aus mir unerklärlichen Gründen immer daneben. Unsere „Straße“ fühlte sich an wie ein frisch gepflügtes Feld, welches man parallel zur Flugrichtung befährt. Nach reichlich Geschaukel wurde irgendwann die Straße und etwas später auch die Landschaft freundlicher und wir erreichten Challapata. Aus Challapata so wurde uns gesagt würden wir einen weiteren Bus nach Potosi nehmen können, es heißt also raus aus dem Bus, rein in den Bus.

Halt Stop, wir sind in Bolivien und da ist das nicht so einfach. Ein Bus fährt wohl, allerdings nicht mehr heute es ist ja auch schon 16 Uhr und die Fahrt nach Potosi soll etwa 3 Stunden dauern. Wir stehen also mitten im Nirgendwo, glücklicherweise nicht allein. Mit uns warten noch ca 20 weitere Reisende auf einen Transport nach Potosi. Unser Busfahrer (aus dem Touribus) versuchte ein Gefährt zu organisieren, wobei sich die Preise zwischen 1000  und 1500 Bolivianos pro Minivan bewegten. Wenn man bedenkt, dass ein Bankangestellter hier ca 2000 Bolivianos (etwas mehr als 200 €) im Monat verdienen soll, ein ganz ordentlicher Preis. Es vergehen ca. 1 1/2 Stunden in denen wir nicht wissen wie es wann weiter geht. Corinne versucht auf eigene Faust eine Weiterfahrt zu organisieren und spricht mit gefühlt dem halben Dorf. Entweder sie verstehen uns nicht oder sie wollten an diesem Tag einfach kein Geld verdienen, jedenfalls ist eine wirkliche Lösung nicht in Sicht. Plötzlich Hält ein Minivan neben uns (wir standen zu dem Zeitpunkt in einer kleinen 5er-Gruppe, Emilie – die Französin, mit der wir jetzt schon fast 3 Wochen unterwegs sind und Yvonne & Corinne, die 2 Schweizer die uns seit Purmamaca in Argentinien immer mal wieder begegnen). Er fährt nach Potosi und würde uns für 60 Bolivianos mitnehmen. Ja super, nichts wie rein und los geht die wilde Fahrt. Vorbei an den restlichen Touris, die noch immer auf den eigentlich schon lange versprochenen Van warten.

3 Stunden fahren wir durch eine wirklich schöne Bergregion, inklusive Sonnenuntergang und Lamas auf der Straße ehe wir gegen 20:30 Uhr in Potosi ankommen. Den Weg vom Busbahnhof bis zum Hostel sollten wir mit einem Taxi zurücklegen, weil unser Fahrer allerdings im selben Atemzug erwähnte, dass wir auf unsere Taschen aufpassen sollten und das die Gegend generell mal nicht als sicher zu betrachten wäre, baten wir ihn uns für 50 Bolivianos extra doch bitte direkt bis zum Hostel zu fahren. Nach ein bisschen hin und her (es bestand wohl von seiner Firma nur Versicherungsschutz bis zum Bahnhof, die Stadt danach darf er normalerweise nicht befahren) entschied er sich, dass die 5 € extra für 3 km ganz gutes Geld wären und wir fuhren los. 15 befragte Passanten und ca. 20 Minuten später erreichten wir unser Hostel, das „Hostel Carlos V“, inmitten der wunderschönen Altstadt Posotis. Auf dem Tagesplan stand nur noch ein Besuch bei der Bank, Essen und eine heiße Dusche.

Potosi untertage

Potosi wurde im 17. Jahrhundert recht schnell zur damals reichsten Stadt der Welt. Grund dafür war ein Berg (der Cerro Rico) mit reichlich Silbervorkommen (damals dachte man tatsächlich er würde aus bis zu 80 % aus Silber bestehen). Heute arbeiten in Potosi noch immer 7500 Bergleute aktiv unter Tage und fast genau so viele sind indirekt von den Arbeiten im Berg abhängig.

Whoo – aktive Minen zum Silberabbau, was interessant klingt ist es auch und so buchen wir für unseren ersten Tag eine Excursion in die Stollen. „Wir“ bedeutet in diesem Fall: Emilie, Yvonne, Corinne und Jan – für Nina ist die in Stollen meisten bestehende Dunkelheit und Enge ja nicht so wirklich interessant. Außerdem steht im Lonely Planet, dass die austretenden Gase und der ganze Staub nicht so wirklich als Gesundheitsfördernd zu betrachten sind. Ach sei es drum, man geht ja nur ein bis x-mal in seinem Leben in eine Silbermine. Als ich vor der Tour den Wikipedia Eintrag Potosis lese stoße ich auf eine interessante Erwähnung: Neben den Silber und Mineralien-Minen gibt es hier auch einen Minery Mercado, einen Markt für Minenarbeiter. Neben 96%igem Alkohol kann man hier auch Dynamit kaufen. Dynamit kaufen – Jeder und in beliebiger Menge. Dieser Markt ist wohl weltweit der einzige auf dem das möglich ist. Mein kleines Herz machte Freudensprünge, habe ich doch ein kleines Faible für Explosives. Glücklicherweise ist ein Besuch auf dem Markt Teil der gebuchten Tour und so fahren wir los, fest entschlossen heute Dynamit zu kaufen.

Nach 15-minütiger Fahrt sind wir auch schon auf dem Markt, der im wesentlichen aus einer Straße voller Ladenlokale besteht. Sie führen alle das selbe Sortiment – im Prinzip alles was man in einer Mine brauchen könnte. Neben Schaufeln, Helmen und Handschuhen werden massenhaft Kokablätter verkauft. Den Grund dafür erklärt uns Antonio, ein ehemaliger Minenarbeiter und heute als englischsprachiger Touristen-Guide noch immer jeden Tag in den Minen aktiver Einheimischer. Die Bergarbeiter essen während der ganzen Schicht nichts außer Kokablätter. Der Grund dafür ist laut Antonio der giftige Staub, der sich auf allem absetzen würde und dann die Bergleute vergiften würde. Natürlich setzt er sich auch auf in einer Tüte eingepackten Kokablättern ab, diese seien aber ein elementarer Bestandteil im Bergarbeiterleben Potosis und so sei es schon seit Jahrhunderten. Ok!

Zusammen mit Antonio geht es etwa 500 m weiter hoch Richtung „Cerro Rico“, dem Silberberg. Wir machen noch einen kurzen Stop, ziehen uns unser Bergarbeiteroutfit – bestehend aus Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke und Bergarbeiterhelm inklusive Grubenleuchte über und machen uns auf den Weg zur Mine. Anders als man es aus Europa kennt besichtigen wir hier keine bereits stillgelegte Mine, sondern eine in der noch heute jeden Tag gearbeitet wird. Vor dem „Eingang“ (es ist nicht mehr als ein 1,5 m hohes Loch mit verlegten Schienen im Berg) stapeln sich prall gefüllte blaue und weiße Kunststoffsäcke. Antonio erklärt uns, dass es sich dabei um die abgebauten Mineralien handelt. In meiner Fantasie sind die Säcke zu diesem Zeitpunkt mehrere tausend Euro wert und ich wunder mich warum man sie hier so einfach rumliegen lässt.

Licht an, Kopf runter, rein in die Mine: Nach den ersten 200 gebückten Metern auf denen ich mit meinem Helm schon mehrfach die massive Steindecke über mir berührt hatte (seine eigene Größe richtig zu schätzen ist ja das eine, den Helm mit der Lampe zu berücksichtigen das andere) konnten wir endlich aufrecht stehend weitergehen, jedenfalls für ca 200 weitere Meter. Plötzlich brüllt Antonio „run, go back, fast“ mit Sicherheit die beste Wortwahl in einem recht engen dunklem Schacht um keine Panik auszulösen… Nach ca. 15 Sekunden „zurückrennen“ dürfen wir auch schon wieder stehen bleiben. Was in meiner Fantasie eine Sprengwarnung oder Sauerstoffmangel vorhersagte stellte sich als schlichter Gegenverkehr auf den Gleisen heraus. Ein Trupp von 4 jungen Männern schoben einen vollbeladenen Karren auf den Schienen Richtung Ausgang. Antonio wollte uns lediglich warnen, nicht im Weg zu stehen und um Himmels willen bloß keinen Fuß auf den Schienen stehen zu haben.

Nach diesem kurzen Schreckmoment geht’s für uns weiter in den Berg, beleuchtet nur durch unsere Lampen. Als wir auf eine Gabelung stoßen erläutert Antonio anhand der gut ersichtlichen „Mineralienlinen“ wie sich der Stollen entwickelt hat. Die Bergleute folgen immer den Mineralien, wenn eine vielversprechende Ader nach links abknickt geht der schacht nach links – eigentlich ganz logisch für mich, dennoch interessant. Außerdem erläutert er aufgrund der verschiedenen Färbungen um welches Mineral es sich genau handelt, neben Silber wird hier vor allen Zink, Zinn, Blei und Kupfer abgebaut. Immer tiefer geht es in den Berg, uns kommen immer mal wieder Bergleute entgegen, Antonio drückt einigen von ihnen unsre Mitbringsel in die Hand, mein Dynamit behalte ich aber vorerst noch.

Wir kriechen durch einen kleinen Schacht, der aussieht als wäre er vor einiger Zeit zusammengebrochen, Antonio beruhigt uns aber auch hier, es handle sich bloß um einen kleinen Seitenstollen in dem „El Tio“ (der Onkel) verehrt würde. El Tio verkörpert zeitgleich den Teufel und den Wächter des Bergs, solange es El Tio gut gut, geht es auch den Minenarbeitern gut. Er sieht aus wie eine Mischung aus Ziege und Mensch, der Mund ist durch den Rauch zahlreicher Ziegaretten schwarz verrust, seine Hände und Beine bedeckt unter tausenden Kokablättern – alles Opfergaben der Minenarbeiter. Im glauben der Minenarbeiter brauchen sie kein Unglück fürchten solange sie dafür sorgen, dass es El Tio an nicht mangelt. Würde ihm irgendetwas fehlen, würde er sich einen Minenarbeiter suchen. So kommen die Minenarbeiter seit Jahrhunderten meistens freitags zu El Tio (von dem es im Berg wohl mehrere gibt) um ihn mit Zigarretten, Kokablättern und 96%igen Alkohol milde zu stimmen. Wir machen unsere Lampen für einen kurzen Moment aus um El Tio zu danken und den toten Minenarbeitern zu gedenken.

Der Berg hat über 8 Millionen Menschen auf dem Gewissen, bis vor 10 Jahren starben jede Woche über 10 Menschen, heute sind es dank strengerer Gesetzte, speziell was die Kinderarbeit angeht „nur noch“ 1-2 im Monat. Nach dieser endlos wirkenden Gedenkminute in völliger Dunkelheit irgendwo unter 100ten Metern Gestein sind wir froh als wir den Stollen wieder zurückkriechen und den Hauptschacht erreichen. Dort angekommen hält Antonio einen weiteren Minenarbeiter an und bittet ihn uns seine derzeitige Arbeitsstätte zu zeigen. Als der junge Mann einwilligt übergebe ich mein inzwischen so liebgewonnes Dynamit. Wir folgen ihm in einen nicht weit entfernten Nebenschacht, dort sehen wir auch einen der Belüftungsschächte, die dafür sorgen, dass es weiter unten im Berg nicht noch heißer als 42 Grad wird. Der junge Mann zeigt uns ein paar Bohrlöcher (für mein Dynamit) und Steinbrocken mit winzigen Silberpartikeln. Anschließend posiert er noch für Fotos, mehr passiert dann aber nicht. Zugegeben ich bin ein klein wenig enttäuscht, hatte ich doch gehofft wirklich zu sehen wie gearbeitet wird und nicht schon fertige Löcher … Antonio und wir bedanken uns herzlich bei dem Arbeiter und treten den Rückweg an. Mit den Schweizern spreche ich noch darüber, dass wir jetzt ja nicht wirklich gesehen haben, wie hier gearbeitet wird und dass es doch – wenn auch nur für einen Tag – mal super interessant wäre hier untertage mit zu arbeiten, nur mal so um zu gucken wie anstrengend dass denn wirklich alles ist. Irgendjemand muss uns gehört haben und so müssen wir ein weiteres mal zur Seite treten um einen vollbeladenen Wagen passieren zu lassen. Antonio bietet den 4 schwitzenden Männern etwas zu trinken an (als Wiedergutmachung, dass wir sie ausgebremst haben sozusagen). „Antonio, danke für das Wasser. Was für eine Gruppe hast du denn da?“ „Gern, 3 Mädels – 2 Schweizer, eine Französin und einen Deutschen“ „Alemania – new world champion, come here“ Da kann man ja nichts machen und so finde ich mich mit 2 weiteren Männern hinter dem Wagen wieder. „Auf 3!“ Klar, wie sonst… Ich schiebe mit aller Kraft, meine etwas zu großen Gummistiefel rutschen in dem wassergetränktem Boden aber lieber weg als wirklich für Halt zu sorgen. Eine Minute, eine Kurve und mindestens 1000 Herzschläge später – bin ich froh doch keinen Tag hier zu arbeiten. Ich würde es wahrscheinlich gar nicht überleben. Durch die dünne und mit staubversetzte Luft und Temperaturen jenseits der 25 Grad pruste ich auch noch 5 Minuten später als wir den Ausgang erreichen. Respekt, aber Minenarbeiter in Potosi ist nichts für mich.

Casa de la Monedas

Den Nachmittag lassen wir mit einem Besuch in der „Casa de la Monedas“ ruhiger angehen. Die Casa de la Monedas ist eine ehemalige Münzprägeanstalt und beherbergt heute eines der interessantesten Museen auf der bisherige Reise. Auf 7500 m/2 sind hier nicht nur alte Silbermünzen und Gemälde ausgestellt. Hier stehen auch Geldprägemaschinen aus dem 17. Jahrhundert – Ursprünglich entworfen von Leonardo da Vinci. Das Gebäude wurde damals um diese riesigen Maschinen herum gebaut, dank der ganzjährig trockenen und kühlen Luft sowie der Tatsache, dass auf 4000 m einfach keine Schädlinge leben sind sie bis heute extrem gut erhalten. Während die ersten Maschinen noch von Maultieren (Pferde mögend die Höhe auch nicht) und Menschen betrieben wurden, setzte man schon in der nächsten Generation auf Dampfmaschinen. Im Zuge der Industrialisierung, wurden die Maschinen nicht nur kleiner sondern auch profitabler – allerdings nie profitabel genug um mit heutigen Standards mithalten zu können. Das Bolivianische Geld, der Boliviano wird heute in Spanien, Deutschland und Kanada hergestellt. Die Casa de la Monedas bietet eine wirklich sehenswerte Zusammenfassung, wie sich die Geldprägung innerhalb von 4 Jahrhunderten entwickelt hat. Die umgerechnet 4 € Eintritt für eine anderthalbstündige Tour lohnen sich alle mal. Entschuldigt die wenigen Fotos, aber Fotografieren war hier nicht erlaubt … ;-)

Kommentare
ein kommentar zu “Untertage in Potosi”
  1. theBuzzTan sagt:

    …mit dem ganzen fusel und zigaretten kann man das vielleicht aushalten (also minenarbeiter und so).
    kokablätter? hört sich ja schmackoköstlich an! wie konntest du dir die entgehen lassen?

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