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Eine Tour durch Argentiniens Atlantis

Epecuén – geflutete Geisterstadt

Sonnenschein selbst im Winter und ein See mit einem Salzgehalt so hoch, dass sich am Ufer eine bis zu 15 cm hohe Kruste aus feinsten Salzkristallen bildet. Epecuén gilt als eines der Erholungsgebiete Argentiniens. Hier trifft man sich um Fangopackungen zu genießen, um beim jährlich stattfindenden Sol y Sal Festival zu feiern oder um einfach nur ein wohltuendes Salzbad zu nehmen. Epecuén wird eine schillernde Zukunft vorhergesagt, der Tourismus boomt, es eröffnet ein Hotel neben dem anderen und alles scheint sich prächtig zu entwickeln.

Im Jahr 1985 jedoch wird die nahe am See gebaute Touristenhochburg infolge starker Regenfälle und eines Dammbruchs überflutet. Das Wasser steigt innerhalb weniger Tage auf einen Höchststand von etwa 8 Metern. Als sich das Wasser 2004 langsam zurückzieht hinterlässt es Epecuén als die Geisterstadt die es auch heute noch ist.

Der Friedhof von Epecuén

Als wir uns das erste mal aufmachen zu den Ruinen Epecuéns sind wir zufuß unterwegs und beginnen unseren Ausflug auf dem etwas außerhalb gelegenem Friedhof. Schon allein die Allee hinter dem aufgeschüttetem Damm wirkt gespenstig, hier stehen haushohe Bäume jedoch ohne Blätter und ohne Rinde allein das Grobe „Gerippe“ steht noch. Die 20 Jahre im hochkonzentrierten Salzwasser haben diese Bäume nahezu perfekt konserviert. Wir erreichen den Friedhof nach ca 500 m durch diese gespenstig wirkende Kulisse. Schon von Weitem ist zu erkennen, dass die Grabsteine und Gruften zum einen alle schräg stehen und zum anderen alle die selbe Färbung aufweisen. Wenn man näher kommt wird auch klar warum, über die Jahre hat sich auf allem eine bis zu 3 mm dicke  Salzkruste gebildet. Nicht verrostetes Metall weist eine dicke grüne Patina auf und selbst wenn die Grabsteine noch an einem Stück sind macht es die dicke weiß-gräuliche Schicht nahezu unmöglich die Inschriften zu entziffern. Neben ein paar wenigen gepflegten Gräbern sehen wir hier zum Großteil alles so wie es die Flut freigab als sie sich 2004 zurückzog. Gräber ohne Grabdeckel sind genauso dabei wie komplett in sich zusammengefallene Grabkammern.

Kein wirklich schöner Anblick und auch nichts zum lange drüber schreiben.

Auf der Suche nach Epecuén …

Wir stehen also auf einem gespenstigem Friedhof und blicken uns um das nicht so weit entferne Epecuén zu entdecken. Neben den Bäumen allerdings gibt es nicht viel, man kann nahezu endlos nach rechts und links schauen ohne irgendeine erkennbare natürliche Erhebung ausfindig zu machen. Etwa 100 m hinter dem Friedhof beginnt auch schon der See, wenn man sich das Wasser 8 Meter höher vorstellt scheint es fast unvorstellbar, dass alleine der kleine Damm dagegen gehalten hat. Von hier aus bleibt uns ein Blick auf die Stadt also für eine erstes verwehrt.

Mithilfe von Google Maps hatten wir die Überreste Epecuens westlich neben dem Friedhof ausfindig gemacht und schlugen diese Richtung nun auch ein. Zwischen der vermeintlichen Stadt und uns befand sich allerdings ein kleiner und dennoch nicht überwindbarer Fluss weshalb wir ca 1,5 Stunden flussaufwärts liefen um dann nochmals 1,5 Stunden flussabwärts zu laufen und um dann festzustellen, dass hier zwar jede Menge Nichts und ein paar abgestorbene Büsche auf uns warteten jedoch keine Überreste einer versunkenen Stadt. Mit nassen Schuhen und etwas durchgefroren kehrten wir also in einer Gaststätte ein, schauten das Deutschland spiel gegen Portugal und erfuhren später, dass Epecuén 12 km nord-östlich, nicht westlich vom Friedhof liegt …

Auf ein Neues. Auf nach Epecuén.

Ein neuer Tag neues Glück mit Fahrrad und zugelaufenem Hund (wir nannten ihn liebevoll Perro, spanisch für Hund), machten wir uns besser vorbereitet und bewaffnet mit Verpflegung und einer Karte des Touristenbüros auf den Weg das untergegangene Epecuén zu entdecken. Mit richtiger Karte ist das alles auch viel einfacher und man weiss jetzt ja auch wo es hingeht. Aus Carhué geht es immer entlang des Sees. Auch hier steht auf weitem Flur nichts außer abgestorbener Bäume und ein paar kleine vertrockneter Büsche, im Prinzip genau wie gestern allerdings entdecken wir nach ca 4 km das erste verlassene Gebäude, das Matadero. Was von Weitem aussah wie eine Kirche und von vom Nahen wie eine Diskothek stellte sich im Nachhinein als Schlachterei heraus.

Mit dem Fahrrad geht es weiter Richtung Stadtzentrum bzw. dem was heute davon übrig ist. Schon beim Durchfahren der ersten „Straße“ wird einem klar, die Zerstörung in der Stadt ist mit der weiter draußen am Matadero nicht zu vergleichen. Hier stehen keine halben Häuser mehr, hier steht eigentlich nichts mehr. Man entdeckt zwar hier und da mal eine fast komplett wirkende Wand, an manchen können wir Fliesen ausmachen und so darauf schließen, dass es sich wohl um die Überreste eines Badezimmers handelt aber das war es dann auch schon. Hier liegt alles kreuz und quer, es sieht aus als hätte eine Bombe eingeschlagen, die gräuliche alles überziehende Salzkruste trägt ihr Übriges dazu bei. Wir fahren die noch immer mit Schlick überzogenen Straßen entlang, stoppen immer mal wieder um Fotos zu machen, sind fasziniert und schockiert zugleich. Ein bisschen wie ein Unfall bei dem man nicht wegsehen kann, denn auch wenn wir wissen, dass es schlimm ist was hier geschah, sind wir doch auch gefesselt von der Stille und der Einsamkeit die Epecuén ausstrahlt. Man kann sich nur schwer  vorstellen wie die Staßen wohl in den 80er Jahren gefüllt mit glücklichen Urlaubern ausgesehen haben müssen.

Ein Highlight bildet die ehemalige Ortsmitte mit all ihren Hotels und Geschäften, vor einigen Ruinen stehen Tafeln mit Fotos wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Etwas weiter unten Richtung See entdecken wir das ehemalige Freizeitbad von Epecuén, heute komplett geflutet mit Seewasser und auch mit direktem Seezugang. Während sich hier früher erholungsuchende Urlauber erfrischten, werden die Becken heute nur noch gelegentlich von einem Schwan genutzt. Die 3 Rutschen sind zwar immer frei aber irgendwie will die auch niemand nutzen … naja fast niemand.

Der Weg zurück führt uns vorbei am kleinen ehemaligem Bahnhof Epecuéns in dessen Räumen heute eine Art Museum eingerichtet wurde. Auf alten Fotos kann man sich hier nochmals in die Zeit zurückversetzen bevor das Wasser kam. Leider ist auch hier alles nur auf spanisch, wenn man sich allerdings vorher die Stadt angeschaut hat, kann man sich ganz gut vorstellen worum es geht.

Über einen 12 km langen Feldweg geht es für Perro, unseren treuen Begleiter und uns zurück. Der Weg ist noch immer überzogen mit schillernden Salzkristallen …

Ein Video unseres Besuchs könnt Ihr euch hier ansehen.

Infos zur Anreise

Über die Ruinen Epecuéns haben wir in keinem Reiseführer etwas lesen können und man findet auch nur spärliche Infos im Internet. Wir hatten das Glück in Mexiko Monty und Steffi kennenzulernen, die uns von dieser unglaublichen Kulisse erzählten. Als klar war, dass wir Argentinien bereisen stand auch recht schnell fest, dass wir einen Abstecher hierher unternehmen werden.

Als Ausgangspunkt eignet sich am besten Carhué, ein Ort in den sich 1985 auch viele ehemalige Bewohner auf Epecuén niedergelassen haben. Es gibt einige private Unterkünfte („Hospedaje“ oder „Departamentos“) und recht teure Spa-Hotels. Der Ort an sich hat einen gewissen Charm, aber zu viel sollte man nicht erwarten.

Am einfachsten stellte sich die An- und Abreise von/nach Buenos Aires heraus (etwa 6 Stunden) da regelmäßig Busse fahren. Da wir aber in Richtung Mendoza weiterreisen wollten, konnten wir glücklicherweise auf einen privaten Transport zurückgreifen. Hier hat uns die Touristeninfo super weitergeholfen und alles organisiert. Hier gibt es im Übrigen auch die äußerst hilfreiche Karte zum direkten Finden von Epecuén ;-) und einen Fahrradverleih.

 

 

Kommentare
4 kommentare zu “Epecuén – geflutete Geisterstadt”
  1. Marina sagt:

    Das war ja Abenteuer pur!! Toller Bericht, super Fotos. Was ist zum Schluss aus Perro geworden?

  2. Maurice sagt:

    wie gerne würden wir die Bilder zu eurem spannenden Beitrag sehen – aber es ist uns zur Zeit verwehrt.
    Wir werden es aber sobald wir Iran verlassen haben nachholen! liebe Grüße aus Yazd

    Maurice & Nadine

    ps: Jan, warum hast du kein Floß bauen können?

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