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Von ganz unten nach ganz oben

Entlang der Westküste Neuseelands

Die Westküste der Südinsel zu besuchen bedeutet zwangsläufig auch eine Fahrt über den State Highway 6, der einzigen Verbindungsstraße zwischen Adrenalin-Hochburg Queenstown, dem Fox- und Franz-Josef-Gletscher sowie kleinen Goldgräber-Städtchen und rauen Küstenabschnitten. Es ist eine wirklich wunderschön Route mit sehr abwechslungsreicher Landschaft, viel Regen und viel Grün. Auch wenn State Highway super klingt sollte man nicht davon ausgehen, dass der Highway auch wirklich als ein solcher zu benutzen ist. Durch die Kurvigen engen Straßen kann man zeitweise nicht einmal 30 km/h fahren. State Highway bedeutet in Neuseeland lediglich, dass man sich darauf verlassen kann eine geteerte, befestigte Straße vorzufinden.

Quenstown – ach nee keine Lust.

„Queenstown whuuuu, lalala da muss man hin, der Ort ist sooo krass, das glaubt man nicht…“ Queenstown gilt als Geburtsstadt des (kommerziellen) Bungeejumpings und hat sich in den letzten 30 Jahren seinen Platz als Lieblingsstadt bei Extremsportlern erarbeitet. Neben Bungeesprüngen auf über 50 verschiedene Arten bieten die umliegenden Berge perfekte Bedingungen für Mountainbiker und alle nur erdenklichen Sportarten. Wir hatten eine Übernachtung hier eingeplant, haben uns dann allerdings recht spontan dazu entscheiden Queenstown links liegen zu lassen. Das Durchfahren der viel zu kleinen Stadt und die vielen jungen und alten aber jung gebliebenen Extremsportler wirkten auf uns eher abschreckend als einladend. Wir werden aber auch anstrengend alt…  Was soll’s, wir hatten unser Wochenbudget für Spass ja eh schon für eine Kayaktour ausgegeben und fuhren deshalb weiter in das nicht weniger schöne dafür aber viel günstigere Wanaka.

Entspannen am Lake Wanaka

Wenn man die Wahl zwischen Highway und einem Bergpass hat entscheidet man sich natürlich für den Bergpass, mit einem Verbrauch von knapp 18 Liter und dem stetigen Wechsel zwischen ersten und drittem Gang wahrscheinlich nicht die günstigste dafür aber eine sehr schöne Entscheidung. Nachdem wir Queenstown übersprungen hatten und noch keinen so wirklichen Plan hatten was wir uns als nächstes ansehen sollen/wollen entschieden wir uns dazu am Lake Wanaka für 2 Nächte zu entspannen und einfach Mal nichts zu machen. Das macht man ja (leider wirklich) allgemein eher selten auf so einer Weltreise. Wir waren das erste mal während der Reise im Kino und genossen einen unerwartet langen Spaziergang in die Stadt. Der See und die umliegenden Berge müssen nicht mit irgendwelchen Bungeesprüngen oder Downhill Aktivitäten erkundet werden, ich mag sie auch so wie sie sind, ruhig und gerade deshalb wunderschön. Irgendwann am zweiten Tag entschloss ich mich etwas gelangweilt, umgebungs- und sonnenverwöhnt dazu „eine Runde“ zu schwimmen. Diese Entscheidung bereute ich allerdings schon ehe die Badehose so richtig nass war. Bergseen, Schmelzwasser und überhaupt, nächstes Mal denke ich wieder daran. Egal, ich war im Lake Wanaka schwimmen, das soll mir erstmal jemand nachmachen. Mit so viel Wagemut und Einsatz hätte ich bestimmt auch in Queenstown Freunde gefunden…

Es waren einmal zwei Gletscher…

Vom eisigen Lake Wanaka machen wir uns auf den Weg zu den nicht mehr ganz so eisigen Gletschern. Genauer gesagt zum Franz Joseph und zum Fox Gletscher, die beiden bis auf knapp 500 Höhenmeter reichenden Gletscher sind Aushängeschild einer ganzen Region. Glacier Valley, so nennt sich die umliegende Region, besteht aus 2-3 Dörfern mit einigen Übernachtungsmöglichkeiten und jeder Menge Touranbieter. Wir hätten ja gerne eine Gletschertour gemacht, 119$ für einen 10-minütigen Rundflug war uns die Sache dann aber doch nicht wert. Leider kommt man heute ohne Heli Flug nicht mehr so wirklich an die Gletscher heran, man kann bei beiden durch das ehemalige Gletscherbett bis ca. 300 m vor den jeweiligen Gletscher wandern, so wirklich spektakulär ist das allerdings nicht. Die aufgestellten Schilder auf denen veranschaulicht wird wie sehr der Gletscher sich innerhalb von bloß 4 Jahren verändert hat zeigt sehr drastisch wie sehr der Klimawandel die ganze Region beeinflusst. Zwei Tage später werden wir uns mit einem Schweden unterhalten. Er war vor knapp 30 Jahren schon einmal hier und wollte die gewaltigen Gletscher auf denen er damals wandern war seinem Sohn zeigen. „Ich bin nicht überrascht sondern schockiert. Dass Sie so schnell verschwinden hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Wir verlassen das selbsternannte Glacier Valley mit einem komischen Gefühl. Der Besuch bei den Gletschern sollte ein Highlight auf unserer Westküstentour werden, statt über gigantische Gletscher reden wir auf unser Weiterreise jetzt aber über den Klimawandel und darüber wie Glacier Valley wohl in 20 Jahren heißen könnte.

Gold! Gold! Ja verdammt wo ist das Gold?

Wenn wir schon keine imposanten Gletscher finden, versuchen wir unser Glück eben mit Gold. Keine 2 Stunden entfernt von den tief im Nebel versunkenen Gletschern übernachten wir in der ehemaligen Goldgräberstadt Hokitika. Hokitika liegt direkt am Meer und begrüßt uns mit Sonnenschein, so lässt sich der Klimawandel auch direkt besser verkraften…

Direkt neben Hokitika liegt mit Ross eine der wichtigsten Goldgräberstädte der Westküste, für uns die wichtigste, immerhin wurde hier 1909 ein über 3 kg schweres und damit das größte je in Neuseeland gefundene Gold-Nugget gefunden. Wo eins ist müssen auch 2 sein und so machen wir (ich jedenfalls) uns hoch entschlossen auf den Weg unser eigenes Nugget zu finden. Angrenzend an einem angelegten Goldgräberpfad gibt es einen kleinen Flusslauf in dem sich jeder mit Pfanne und Geduld bewaffnet auf die Suche nach Gold machen darf. Ach kommt, mit Pfanne und Geduld… Das geht doch auch ohne. Mit bloßen Händen finde ich mich keine 5 Minuten später im Flussbett nach Gold wühlend wieder. Die ersten 5 Minuten machten sogar Spass und man glaubt wirklich man könnte etwas finden, wenigstens was kleines… Nach weiteren 5 Minuten im eiskalten Flusswasser frieren nicht nur meine Finger langsam ab auch die Geduld ist am Ende, wir waren ja eh noch nie so wirkliche Freunde. Ach Gold, Gold, wer braucht schon Gold? Nächstes mal.

hariboschlumpfblaues Wasser in der Hokitika Gorge

Nach dieser herben Enttäuschung und fest überzeugt, dass man an der Stelle einfach nichts finden kann, weil hier ja alle schon seit Jahren suchen machen wir uns auf den Weg zur Hokitika Gorge. Etwa 30 km außerhalb Hokitikas, gut versteckt im Nirgendwo liegt eines der schönsten Naturschauspiele ganz Neuseelands. Die Hokitika Gorge ist einer dieser Orte den man nur sehr schwer beschreiben kann. Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine Schlucht mitten im Urwald, spezielle Mineralien färben das Wasser auf natürlichem Wege in ein unnatürliches milchiges Hariboschlumpfblau. Wenn man die Fotos sieht glaubt man das ja immer nicht bzw. versucht sich die Blautöne durch Lichteinfall oder sonst etwas zu erklären. Bei der Hokitika Gorge muss man aber weder auf Licht noch auf irgendwas achten, das Wasser ist einfach so wie es ist. Unglaublich, schön, Blau.

Pancake Rocks

Die Pancake Rocks sind wohl einer der beliebtesten Touristenstopps an der Westküste. Die vor über 30 Millionen Jahren abgelagerten Gesteinsschichten aus verschiedenen Kalk- und Tonmineralien, von denen bis heute keiner so genau weiss weshalb sie in dieser speziellen Schichtung auftreten, wurden durch ein Erdbeben an die Oberfläche gedrückt. Durch die unterschiedlich groben Strukturen und die damit verbundene unterschiedlich schnelle Verwitterung machen die Steine heute den Eindruck als seien sie wie Pancakes aufeinander geschichtet. Die bis zu 20 Meter aus dem Wasser ragenden Steine bildeten über die Jahrmillionen unzählige natürliche Pools und Höhlen. Nicht wirklich unser Highlight, trotzdem interessant anzusehen und da die Pancake Rocks eh direkt an der Straße liegen auch kein Umweg :)

Wir haben selten auf so kurzer Strecke solch eine Vielfalt an Natur gesehen wie hier. Ob Strand, Dschungel, Berge oder Gletscher die Westküste der Südinsel Neuseelands hat von allem reichlich. Obwohl die Berge wie ein Regenmagnet wirken und wir mehr als einmal nass geworden sind empfehlen wir die Westküste gerne weiter – sie macht einfach Spass.

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